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FRAGMENTE EINER 20 JÄHRIGEN BEGEGNUNG

 

 

"Alle Versuche in der Behindertenwerkstätte Prad, Georg auf den goldenen Boden des Handwerks zu stellen, scheiterten von allem Anfang an kläglich. Vielleicht war es Georgs Glück, daß die einstmals in Südtirol viel gescholtene Werkstätte Prad, bereits sehr früh jeden Respekt vor blinder Produktivität aufkündigte und somit Raum frei werden ließ für eine pluralistischere Kultur der Lebensgestaltung."


"Begegnungen innerhalb von Sozialinstitutionen haben immer mit Wirklichkeitsentzauberung zu tun und können nur kompensiert werden, durch eine Herausbildung von schöpferisch, ästhetischen Ersatzbezauberungen."

 

"Fast täglich setzten wir uns mit einem von Georg ausgesuchten Thema an die Schreibmaschine und begannen es abzufassen. Es gab Tage, wo Georg wie ein Sprudelquell aus sich herausbrach und Satz an Satz reihte, einmal Geschriebenes umstellte und korrigierte; es geschah aber auch, daß seine Texte in einem eher mühseligen Frage- und Antwortspiel entstanden. Immer werden die Sätze aber so in die Maschine getippt, wie der Autor sie formuliert. Es kommt auch vor, daß ich als sein Schreibbegleiter ihn animiere bei wiederholender gleicher Wortwahl, den gesprochenen Satz neu zu formulieren."


"Auf ähnliche Weise wie die Texte, entstehen auch Georgs Bilder. Die Grundformgebung von Georgs Bildern tragen ausschließlich seine Handschrift, werden aber in der Ausführung farbgeberisch und maltechnisch durch meine Person mitbeeinflusst. Der stilvorgebende Architekt bleibt somit Georg, aber er animiert mich ihn sehenden Auges resonant zu unterstützen und meine "Gestaltungsintelligenz" seiner "Intelligenz" helfend zur Verfügung zu stellen. Wie Sprache, Formgebung und Emotion ist Intelligenz nicht Subjekt, sondern Milieu oder Resonanzkreis."

 

"Fast alle Paarläufe des Lebens gelingen nur, wenn über gemeinsame Gestaltungsinhalte vorgesorgt wird, einander in einem begrenzten Begegnungsraum nicht zu nahe zu kommen. Unser gemeinsames Tun, ist deshalb immer auch Arbeit an dieser Distanz und entlastet uns gegenseitig vor der erstickenden Wiederkehr des ewig Gleichen."


"Meine Begegnung mit Georg habe ich immer als Herausforderung verstanden, durch Kulturtechniken der Überspielung, ihn auf das Terrain seiner Kraft führen zu wollen. Das heißt im resonanten Zusammenspiel mit Georg, dem Defekten das Defekte zu entreißen. Menschen kommen erst zu einander, wenn sie sich in ein gemeinsames, schöpfungsaktives Spiel verwickeln lassen, um dann als gegenseitig Verführte, neu im Leben aufzutauchen. Auf die Verführung und gegen den Schrecken setzen: das ist der ganze soziale Einsatz, es gibt keinen anderen."

 
"Dem gemeinsamen Schreib- und Malvorgängen mit Georg lagen keine ausgeklügelten und angestrengten pädagogischen Absichten zugrunde. Die Grundlagen, auf denen die Geschichten und Bilder entstanden sind, waren absichtslose Grundlagen; die Triebfeder zum Schreiben und Malen war der absolute Spaß. Vielleicht liegt in dieser bewußten Distanzierung von allen angestrengten pädagogischen Absichten die eigentliche Ursache, die Georgs schöpferischen Schreib- und Malprozess erst anstoßen konnte. Das Spiel weit mehr als die Arbeit, ist das formative Element in unseren täglichen Gestaltungsversuchen. Je enger gefaßt die Zwecke sind, auf die hin Anstrengungen konzentriert werden, um so weniger haben Menschen wie Georg die Chance, ihre Eigenheiten als Individuum zum Ausdruck zu bringen."

 

Wer will daß Georg mit seinen Bildern und Texten nur in Erscheinung treten darf, wenn diese befreit von begleitender Beeinflussung und frei von gestaltungsaktiver Geburtshilfe sind, der will daß Georg nicht in Erscheinung tritt. Leben will keine reine Wahrheit, sondern das Leben will sich gestalten und wenn es wie bei Georg sein muß mit ganzer illusionsbildender Energie, in dem er zum "Dichter" seiner eigenen Lebenssphäre wird und durch Bild - oder Buchform andere daran teilhaben läßt."

 

 

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