Vorwort von Dietmar Raffeiner

Resonanzspiele

„Wie man es dreht und wendet, Paulmichl/Raffeiner lassen sich am besten durch Paulmichl/Raffeiner erklären. Den Werken merkt man doppeltes Schaffen, zwei Köpfe, ineinandergreifende Gestaltungsprinzipien an„. (Roger Pycha, Grenzgänger 1999)

Seit 30 Jahren stehe ich einem intensiven Kontakt mit Georg Paulmichl. Unsere erste Begegnung war im Jahre 1980 in der Behindertenwerkstätte von Tschengls und hat sich fortgesetzt bis zum heutigen Tag. Wenn man die Kürze eines Menschenlebens bedenkt, dann hat der Zeitraum einer 30 jähriger Begegnung von Außen betrachtet etwas sehr langatmiges an sich. Wahrscheinlich hätte die Begegnung zwischen Georg und mir sich längst aufgelöst, wäre unser Zusammenwirken nicht ein von Anfang an gemeinsam schöpferisches gewesen. Vielleicht gelingt ein so lange andauernder Paarlauf nur, wenn man über ineinandergreifende Gestaltungsinhalte sich eben im Alttäglichen nicht zu nahe kommt. Es ist jedenfalls übergreifend immer wieder gelungen, durch überspringende schöpferische Resonanzspiele uns gegenseitig herauszufordern. Dies haben wir über all die Jahre hindurch gemacht, in Form von geschriebenen Texten und gemalten Bildern. Menschen sind bekanntlich Ergänzungstiere und suchen im günstigen Falle durch Ausdrucksdialoge der eigen Existenz eine gemeinsame Lebensspur zu geben. Meine Auseinandersetzung mit Georg war immer eine dialogische. In diesem unseren Dialog gab es keine wirklich übergeordneten pädagogischen Strategien, keine Dogmen oder Standpunkte auf die unser gemeinsames Tun sich stützte. Hätte ich mich dem Georg wie ein Lehrer angenähert, so hätte ich ihn herausfordernd nie wirklich erreicht. Unser gemeinsamer Gestaltungsdialog war getragen von einer spielerischen Lust an Sprache und ebensolchen bildnerischen Zeichensetzungen. Unsere gemeinsame Kommunikationsform im Ausdruck hat sich hauptsächlich einem lustvollen Hin und Her an Austauschen hingegeben, und war in seinem Tun weit weniger auf ein Ziel oder einen Zweck hin ausgerichtet.

Rein aus sich selbst heraus und ohne animierende herausfordernde Begleitung durch meine Person, wäre Georg nicht in der Lage gewesen gestaltungsaktiv in Erscheinung zu treten. Seine Mitteilungen, seine sprachlichen Wortschöpfungen wären im Raum seiner Zeit unbeachtet liegen geblieben, wären sie nicht durch unser interaktives Tun bald einmal in Textausgestaltungen eingeflossen. Ein Gehirn steht immer in einer Interaktion mit einem anderen Gehirn. Nur in einer gegenseitigen geistigen Herausforderung entstehen Schlüsselreize für Eigentätigkeiten. Wie Sprache, Formgebung und Emotion ist Intelligenz nicht Subjekt, sondern Milieu oder Resonanzkreis. Alles was wir sind, sind wir als Gemeinsames. Und in einem gemeinsamen Tun weiß man manchmal nicht ganz genau wo der eine aufhört und der andere anfängt. Dies ist im Besonderen bei Georg und mir der Fall.

Betonen möchte ich noch einmal, dass das formative Element in der Begegnung zwischen Georg und mir nicht so sehr die Arbeit war, sondern eben das Spiel. Unsere gegenseitige Annäherung war von allem Anfang an eine spielerische. Besonders in diesem Spiel mit Worten dominierte immer auch die Offenheit fürs Zufällige, für das Spontane. Das Spiel ist der kreative Umgang mit dem Multiplen und schafft sich in einem erweiterten Raum der Freiheit seine eigene Wirklichkeit. Wenn Spieler etwas gemeinsam haben, dann das Wissen, dass die so genannte Realität nur eine von vielen Möglichkeiten ist, und dass jede Ordnung eine Konvention darstellt, die man auch in ihren Grenzen sprengen kann. Bei manchen seiner gewagten Formulierungen hat mich Georg immer wieder gefragt, ob man das so überhaupt sagen darf? Und er durfte ohne Vorbehalt alles sagen. Georg Paulmichl gedeiht besonders dann auf schöpferische Weise, wenn er einen Raum betreten kann, der nicht von einem gesetzten und vorprogrammierten Ernst dominiert wird. In diesem Spiel mit Worten wurden Hierarchien aufgehoben und im Schreiben mit Georg kam es immer auf diesen einen Augenblick einer eigenwilligen Formulierung an, eben auf diesen Augenblick einer einzigartigen stilistischen Individualität. Dies ließ uns zeitweilig völlig vergessen, dass wir in einer Behindertenwerkstatt waren, eben in einem gesellschaftlich ausgewiesenen Getto.

Dietmar Raffeiner
Betreuer von Georg Paulmichl in der Werkstätte Prad

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Jahr: 2012 | Leben: Familie | Wirkung: Vorwort | Personen: Pycha Roger, Raffeiner Dietmar | Orte: Prad | Quelle: Sammlung Raffeiner
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